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erste Hirte, der uns in der Bibel begegnet, ist Abel, der zweite Sohn
von Adam und Eva. Er und sein Bruder Kain werden nach der Vertreibung
aus dem Paradies geboren. Im Buche Genesis heißt es: "Abel
wurde Schafhirte, Kain Ackerbauer." (Gen 4,1) Mehr erfahren wir zunächst
nicht über das Leben der beiden ungleichen Brüder. Aber es ist
kein Zufall, daß sie unterschiedliche Berufe ausüben. Als das
"Fünfbuch" des Moses entstand, zogen die Israeliten nicht
mehr als Nomaden durch die Wüste. Sie waren seßhaft geworden
in einem Land, das Jahwe ihnen verheißen hatte, gründeten Ortschaften
und Städte. Viehhirten waren bei den Bauern nicht gerade beliebt.
Schafe und Ziegen machen keinen Unterschied zwischen Acker und Wildnis
- und es kam immer wieder vor, daß Hirten ihre Herden auf Land trieben,
das den Bauern gehörte. Zudem waren die Hirten auf Wasser für
ihre Tiere angewiesen, und die wenigen Brunnen reichten in der Trockenzeit
oft nicht aus für alle. Ein Konflikt war also vorprogrammiert - und
in der Konstellation Abel / Kain wurde der Konflikte zwischen nomadischen
Hirten und seßhaften Bauern zurückdatiert auf die ersten Tage
der Menschheit.
Abel
opfert Gott, um Segen für seine Herde zu erwirken. "Nach einiger
Zeit..." - im hebräischen Text heißt es wörtlich
"am Ende der Tage", was vielleicht auf einen bestimmten Zeitpunkt,
etwa das Ende des Erntejahres hindeutet - schlachtet Abel einige neugeborene
und einige besonders fette Schafe (Gen 4,4). Kein leichtes Opfer, denn
die fetten Schafe versprachen Wolle und Fleisch, die neugeborenen dagegen
sicherten die Zukunft der Herde. Abel setzt alles aufs Spiel, erhofft
alles von der Gnade Gottes. Kain dagegen opfert dem Herrn "von
den Früchten des Feldes"; er weiß, daß er im nächsten
Jahr neu ernten kann. Abel
war ein archaischer Hirte, wie er in allen Kulturen des alten Orients
zu finden ist. Er hat noch wenig gemein mit dem Bild des "Guten
Hirten", das uns das Neue Testament vermittelt. Sein Alltag ist
hart; die Natur ist unberechenbar, wilde Tiere bedrohen seine Herde.
Ob sich die Schafe vermehren oder nicht, ob Krankheiten ausbrechen oder
Fehlgeburten die Herde dezimieren - das alles hängt von Gottes
Segen ab. Und dieser Gott ist noch nicht der Gott des Moses, der sich
als Jahwe, als der "ICH-BIN-DA" offenbart. Abel glaubt an
einen Gott, dem man Opfer darbringen muß, um ihn zu besänftigen
oder gnädig zu stimmen. Es müssen noch viele Generationen
von Schafhirten auf Abel folgen, bis das Volk Israel erkennt, daß
Gott "Barmherzigkeit will und keine Schlachtopfer" (Hosea
6,6).
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