| Abraham
stammt aus Ur in Chaldäa. Die Stadt lag am Unterlauf des Euphrat
und war für die damalige Zeit eine höchst moderne und reiche
Königsstadt. Hier verehrte man den Mondgott Nanna, und möglichweise
wurde Terach, der Vater Abrahams, von diesem Kult beeinflußt.
Abraham war wohl noch ein Kind, als Terach mit seiner Familie die Stadt
verließ und fast 1000 Kilometer nach Westen in die Stadt Haran
zog. Man muß diese Geschichte einordnen in das Umfeld der semitischen
Völkerwanderung, die sich im Vorderen Orient in der mittleren Bronzezeit
(2100 - 1600 v. Chr.) abspielte. Gott
begegnet Abraham in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen: unterwegs
auf der Wanderung, in einer sternenklaren Wüstennacht oder an einem
heißen Sommertag, als Abraham am Eingang seines Zeltes sitzt und
drei fremde Männer auf das Lager zukommen. Es entspricht dem ehernen
Gesetz der Gastfreundschaft bei Hirtenvölkern, daß Abraham
sie freundlich aufnimmt und bewirtet. Immer wieder bekräftigt Gott
seine Zusage: "Ich werde deine Nachkommen zahlreich machen wie
die Sterne am Himmel und ihnen das ganze Land zwischen Ägypten
und dem Euphrat schenken." (Gen 15, 5 und 18) Doch er verlangt
von Abraham einen Glaubensbeweis: Er soll seinen einzigen Sohn als Opfer
darbringen. Welch ungeheuere Zumutung! Es war üblich, Schafe und
Ziegen zu opfern - aber einen Menschen? Und wenn Isaak starb, wie sollte
dann die Verheißung Gottes in Erfüllung gehen? Mit Abraham beginnt etwas, das nach biblischem Verständnis nicht endet: Der Segen Gottes für sein Volk und die Verheißung des gelobten Landes. Es ist eine wechselseitige Beziehung, kein Befehl von oben herab, sondern ein "Bund". Jahwe offenbart sich Abraham als der Gott, der "dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat." Gott ist der Gute Hirte, der Abraham führt, der ihm einen Sohn schenkt und dessen Leben bewahrt. Er ist nicht an einem bestimmten, heiligen Ort zu finden, sondern begleitet den Stammesverband bei seinen Wanderungen. Jakob beginnt seinen Segen über Josef mit den Worten: "Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak ihren Weg gegangen sind, Gott, der mein Hirte war mein Leben lang..." (Gen 48, 15) Als der von Gott Geleitete, wird Abraham selbst zum Hirten und Stammvater, die "Abraham-Kindschaft" zur Grundlage der Heilsgewißheit des jüdischen Volkes.
|