Ezechiel
lebt zur Zeit Nebukadnezars, des Königs von Babylon, der große
Teile des vorderen Orients unter seine Herrschaft zwingt. Tausende von
Juden werden nach Babylon verschleppt. Auch König Jojachin, der
aus dem Geschlecht Davids stammt, wird mit anderen politisch und wirtschaftlich
wichtigen Leuten deportiert. Nebukadnezar setzt Zedekiah als König
ein. Das jüdische Volk ist tief gespalten – eine Gruppe glaubt,
es wäre besser, sich mit der neuen Situation abzufinden, weil sie
Gottes Vorsehung entspräche. Andere wollen die Königsherrschaft
Jojachins wiederherstellen und suchen Hilfe bei den Ägyptern. Doch
die sind militärisch zu schwach und können nicht verhindern,
daß 586 v. Chr. der Tempel von Jesusalem zerstört wird. Das
ist ein Trauma für Israel. Es markiert das Ende der davidischen
Dynastie und führt zu einer großen Glaubenskrise. Hat Jahwe
sich von seinem Volk abgewandt?
Ezechiel, der Sohn eines Priesters, gehört mit zu denen, die in
Babylon im Exil leben. Mit kritischem Blick beobachtet er die soziale
Situation seiner Stammesbrüder. Kapitel 34 des Buches Echeziel
spiegelt die Klagen des Volkes über gute und schlechte Hirten.
Jahwe spricht durch Ezechiel: "Wehe den Hirten Israels, die nur
sich selber weiden. Sie trinken die Milch, sie nehmen die Wolle für
ihre Kleidung und schlachten die fetten Tiere; aber sie führen
die Herde nicht auf die gute Weide. Und weil sie keine Hirten haben,
zerstreuen sich meine Schafe und werden eine Beute der wilden Tiere.
Keiner kümmert sich um sie, keiner sucht sie."
Das ist eine politische Anklage gegen die "Hirten des Volkes",
gegen den König, die Priesterschaft, die herrschende Oberschicht.
Sie haben ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren, sie kümmern
sich nur noch um ihre eigenen Interessen, suchen nicht das Wohl des
Volkes, sondern ihren wirtschaftlichen Vorteil. Ezechiel zitiert sie
vor den Richtstuhl Gottes.
Kapitel 34 ist wie eine Gerichtsverhandlung. Die Angeklagten sind die
schlechte Hirten. Die Zeugen aber, die Schafe, sind nicht fähig,
das ihnen angetane Unrecht zu benennen. So muß Jahwe selber zum
Kläger und Richter werden. Er greift ein, um zu vollbringen, was
die Hirten nicht getan haben: "Jetzt will ich meine Schafe selber
suchen und mich selber um sie kümmern. Die verlorengegangenen Tiere
will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten
verbinden. Ich will ihr Hirte sein und für sie sorgen, wie es recht
ist." (Ez 34,11ff)
Die gängige Vorstellung, der Hirte sei Herr der Herde und könne
mit seinen Schafen willkürlich verfahren, erfährt hier eine
klare Absage. Vielmehr müssen die "Hirten", die Führer
des Volkes, vor Gott Rechenschaft ablegen über ihr Handeln. Die
Kritik des Propheten richtet sich aber nicht nur gegen die Hirten. Auch
innerhalb der Herde gibt es Arroganz und Machtmißbrauch. Die Starken
herrschen über die Schwachen und bei denen, die beherrscht und
unterdrückt werden, taucht der Hunger nach Macht, den die Großen
demonstrieren, im Kleinen wieder auf.
Jahwe verkündet durch den Propheten die Befreiung von jeder Art
der Unterdrückung. Dreimal bekräftigt er: "Ich selber
sorge jetzt für Recht zwischen den fetten und den mageren Schafen.
Weil ihr mit euren breiten Körpern und euren Schultern alle schwachen
Tiere zur Seite gedrängt und weil ihr sie mit euren Hörnern
weggestoßen habt, deshalb will ich meinen Schafen zur Hilfe kommen.
Sie sollen nicht länger eure Beute sein."
Das Bild des guten und des schlechten Hirten wurzelt in der lebendigen
Erfahrung aus einer Zeit, als Herden der einzige und wichtigste Besitz
der Nomandenvölker waren. Zwischen Herde und Hirte herrschte naturgemäß
eine besondere Nähe und der Intimität. Wenn das Volk Israel
sang: "Wir sind das Volk und die Herde auf deiner Weide",
drückte es damit seine Überzeugung aus, zu Gott zu gehören
und von ihm erwählt zu sein – mit allen gefühlsmäßigen
Dimensionen einer solchen Bindungen. Ezechiel spricht nicht nur von
Gottes Strafgericht über die schlechten Hirten, er verkündet
auch eine Heilsbotschaft: "Ich setzte für meine Herde einen
einzigen Hirten ein, der sie auf die gute Weide führt. Ich pflanze
ihnen einen Garten des Heils" (Ez 34,23ff) Der messianische Hirte,
der von Jahwe verheißen wird, wird ein guter Hirte sein, der die
Herde sammelt und Gerechtigkeit schafft für alle.
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