Joseph
wächst in Kanaan auf, wo sich sein Vater Jakob niedergelassen hatte.
Es ist die Zeit des Überganges vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit
und zum Ackerbau. Joseph hütet das Vieh, erzählt aber in einem
Traum auch davon, daß er auf dem Feld Garben bindet. Er ist der
Lieblingssohn seines Vaters, was bald zu Spannungen zwischen ihm und
seinen Brüdern führt. Als er zu den Herden nach Sichem geschickt
wird, schmieden seine Brüder einen frevelhaften Plan: Joseph soll
sterben. Nur der Widerstand Rubens verhindert einen Mord; stattdessen
wird Joseph an eine Karawane verkauft, die nach Ägypten unterwegs
ist. Dem Vater überbringt man einen blutbefleckten Rock und behauptet,
ein wildes Tier habe Joseph getötet.
Doch die Brüder täuschen sich, wenn sie gehofft hatten, Joseph
für immer los zu sein. Joseph wird in Ägypten an Potifar verkauft,
den Obersten der Leibwache des Pharao. Potifar erkennt bald, daß
Joseph ein kluger und tüchtiger Mann ist und beauftragt ihn mit
der Verwaltung seiner Güter. Doch seine Frau hat ein Auge auf Joseph
geworfen, und da sich dieser ihrem Verlangen entzieht, täuscht
sie eine Vergewaltigung vor. Joseph landet unschuldig im Gefängnis.
Auch dort gelingt es ihm, das Wohlwollen der Aufseher zu gewinnen.
Zwei Jahre später hat der Pharao einen beänstigenden Traum:
sieben fette Kühe, die am Nilufer weiden, werden von sieben mageren
Kühen gefressen. Da keiner seiner Wahrsager diesen Traum zu deuten
versteht, läßt er Joseph kommen, denn es hatte sich herumgesprochen,
daß Joseph bereits zweimal erfolgreich Träume gedeutet hatte.
Joseph verkündet dem Pharao: "Sieben Jahre werden kommen,
da wird großer Überfluß in Ägypten sein. Nach
ihnen aber werden sieben Jahre Hungersnot heraufziehen. Der Pharao möge
entsprechend handeln."
Der Pharao ist von Josephs Weisheit beeindruckt und machte er ihm zu
seinem obersten Verwalter. Joseph nützt die Chance und läßt
große Vorratslager anlegen, so daß die tatsächlich
eintretetende Dürre nicht zu der befürchteten Hungersnot führt.
Dafür geraten andere Völker in Not und bitten in Ägypten
um Getreide. Zu jenen, die an den Hof des Pharao kommen, gehören
auch Josephs Brüder. Sie ahnen nicht, wen sie dort treffen werden
und erkennen Joseph nicht. Joseph schenkt ihnen das notwendige Getreide,
um die Familie seines Vaters vor dem Verhungern zu bewahren. Die Szene
wiederholt sich ein weiteres Mal, bis sich Joseph schließlich
zu erkennen gibt. Er lädt seinen Vater und seinen Stamm ein, sich
in Ägypten niederzulassen. So kommen die Israeliten nach Ägypten,
in ein Land, wo man sie zunächst willkommen heißt und später
zu Sklaven machen wird.
Über Josephs weiteres Leben verliert die Bibel nur wenige Worte.
In den letzten Zeilen des Buch Genesis vergibt Joseph seinen Brüdern
und sagt ihnen: "Ihr habt Böses gegen mich im Sinn gehabt,
Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu erreichen, was heute geschieht:
Viel Volk am Leben zu erhalten." (Gen 50,20)
Viel Volk am Leben erhalten... In der Vorstellungswelt des alten Ägypten
war der Pharao nicht nur gottgleicher Herrscher, er trug auch den Beinamen
"Hirte" und hatte für die materiellen Bedürfnisse
seiner Untertanen zu sorgen wie ein Hirte für seine Schafe. Seine
Aufgabe war es, Gerechtigkeit herzustellen, denn ohne Gerechtigkeit
war die kosmische Harmonie gefährdet.
Dieser neue Aspekt wird durch die Geschichte von Joseph in das traditionelle
biblische Bild des Hirten einbezogen. Joseph bereitet im israelitischen
Volk den Weg für die Vorstellung des "gerechten Herrschers",
von dem es in den Psalmen heißt: "Gerechtigkeit und Recht
sind die Stützen seines Thrones" (Ps 97,2). Friede und Recht
dienen dem Wohlergehen der Menschen in einer Gemeinschaft. Der König
soll als Mittler zwischen Gott und dem Volk fungieren. Wenn er gerecht
regiert, wird Frieden herrschen. "Die Gerechtigkeit blühe
auf in seinen Tagen und großer Friede." (Ps 72,2) Die guten
Eigenschaften eines "Hirten des Volkes" gelangen so in die
religiöse Sprache: Sammlung und Leitung, Fürsorge und Pflege,
Güte und Erbarmen. Mit seiner klugen Vorsorge für das leibliche
Wohl der ihm Anvertrauten, durch seine Milde und Güte wird Joseph
zum Vorbild für die späteren Könige des hebräischen
Volkes.
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