Im
letzten Kapitel des des Johannes-Evangeliums lesen wir, wie der auferstandene
Herr einigen Jüngern am See Genezareth erscheint. Eine ungewöhnliche
Situation. Die Jünger sind offenbar in den "normalen"
Alltag zurückgekehrt. Sie haben sich am Seeufer versammelt. Petrus
kündigt an: “Ich gehe fischen“, und die anderen nicken
zustimmend. Das klingt, als hätten sie vergessen, daß Jesus
sie aufgefordert hatte, aufzubrechen und das Evangelium "allen
Völkern zu verkünden". Aber eigentlich zeigt es nur ihre
tiefe Unsicherheit, was sie konkret tun sollen und was die Zukunft bringen
wird. Auch mit dem Fischfang haben sie an diesem Tag kein Glück.
Und dann kommt da ein Fremder und fordert sie auf, noch einmal das Netz
auszuwerfen. Immerhin: sie gehorchen und machen einen großen Fang.
Und langsam dämmert es ihnen: der "Fremde" ist Jesus!
Nachdem Jesus die hungrigen Jünger mit Brot und Fischen versorgt
hat, wendet er sich an Simon und fragt: "Simon, Sohn des Johannes,
liebst du mich?" Simon antwortet: "Ja, Herr, du weißt
es." Wahrscheinlich ist ihm nicht ganz wohl bei dieser Beteuerung,
denn es ist noch nicht lange her, da hatte er Jesus vor den Knechten
des Hohenpriesters verleugnet. Jesus fragt ihn erneut: "Liebst
du mich?" Das Kriterium für wahre Jüngerschaft, das Jesus
im Evangelium immer wieder betont, ist die Liebe (Joh 13,34 und Joh
15,12). Die Frage: "Liebst du mich" ist die einzige Frage,
die Jesus mehrfach in der Bibel wiederholt. Man kann sich vorstellen,
daß Jesus noch viele Fragen hätte stellen können, zum
Beispiel: "Simon, Sohn des Johannes, bist du dir der Verantwortung
bewußt, die du übernimmst? Erkennst du deine Schwäche?
Hast du darüber nachgedacht, wie schwer es ist, die Lasten anderer
zu tragen? Ist dir klar, wie viele Menschen es gibt, die Hilfe brauchen
– die Armen, die Kranken, die Bedürftigen, die Einsamen?"
Aber Jesus kleidet all diesen Fragen in eine einzige, grundlegende Frage,
die mit zwei verschiedenen Verben wiederholt wird, um den Unterschied
zwischen Liebe und Freundschaft deutlich zu machen: „Simon, Sohn
des Johannes, hast du mich lieb" und "Simon, Sohn des Johannes,
liebst du mich?" Und sein - ebenfalls dreifach wiederholter - Auftrag
an Simon Petrus lautet: "Weide meine Schafe!"
Simon ist verwirrt. Er ist Fischer – jetzt soll er "Hirte"
werden? Kann man das so einfach oder muß man das lernen? Offenbar
ist sich Jesus ganz sicher, daß Simon der neuen Aufgabe gewachsen
ist, denn er sagt: "Du bist Petrus der Fels, und auf diesem Felsen
will ich meine Kirche bauen." Nicht auf Grund seiner Verdienste,
seines Lebenswandels oder seines Könnens, sondern wegen seiner
Liebe zu Christus wird Petrus beauftragt, das Hirtenamt zu übernehmen
und für die Kirche das zu sein, was Jesus war – der Gute
Hirte.
Die Geschichte der Berufung des Petrus hat noch eine tiefere Bedeutung
– für den Papst, für die Kirche und für jeden Menschen,
der Verantwortung übernehmen will. Das Bild des Guten Hirten soll
ihm zum Vorbild werden, eines Hirten, der die Seinen kennt, der liebevoll
für sie sorgt und bereit ist, sein Leben für sie einzusetzen.
Das Hirtenamt, das mit Petrus beginnt und auf die Päpste als die
Nachfolger Petri übertragen wird, ist ein Amt der brüderlichen
Liebe, der Sorge für jeden Einzelnen und für Gerechtigkeit
zwischen den Menschen. Jesus warnt seine Jünger nachdrücklich:
"Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre
Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über
die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein!"
(Mk 35,42) Die Kirche ist aufgerufen, die Botschaft Jesus so zu verkünden,
das sie den Menschen dient und sie auf jene "gute Weide" führt,
von der in der Bibel immer wieder die Rede ist. Jesus, der Gute Hirte,
hat uns durch sein Leben, Leiden und Sterben ein Vorbild gegeben.
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