Rachel
gehört neben Rebekka, Judit, Ester und Ruth zu den großen
Frauengestalten der Bibel. Aber sie ist die einzige Frau, die ausdrücklich
als "Hirtin" bezeichnet wird (Gen 29,9). Ihre enge Beziehung
zum Hirtendienst wird schon in ihrem Namen deutlich: er bedeutet "Mutterschaf".
Rachel ist schön von Gestalt (Gen 29,17). Jakob trifft sie an einem
Brunnen bei Haran. In der jüdischen Tradition ist ein Brunnen auch
Symbol für die Tora, für das lebensspendende Wasser des Gesetzes,
für Weisheit und göttliche Offenbarung (Gen 21, 22-31) Überall,
wo in der Bibel Brunnen auftauchen – von der Genesis bis zu Johannes
– geht es um lebensspendende Begegnungen.
Rachel sorgt sich um ihre kleine Herde. Der Legende nach besaß
sie nur wenige Schafe, denn die Pest hatte den Bestand dezimiert. Umso
größer ist ihre Sorge um die wenigen Tiere. Der Aufgabe,
den schweren Stein von dem Brunnen zu wälzen und die Schafe mit
Wasser zu versorgen, ist Rachel allein nicht gewachsen, die anderen
Hirten aber wollen ihr nicht helfen. "Als Jakob Rachel und ihre
Herde sah, trat er hinzu, schob den Stein von der Brunnenöffnung
und tränkte das Vieh." (Gen 29,10f)
Jakob verliebt sich in Rachel, aber er wird hintergangen und muß
Rachels Schwester Lea heiraten. Erst als Jakob seinem Schwiegervater
Laban weitere sieben Jahre dient, darf er Rachel zur Zweitfrau nehmen.
Damit beginnt ein Konflikt zwischen den Schwestern, der an Jakobs Streit
mit seinem Bruder Esau erinnert. Rachel bleibt zunächst kinderlos,
während ihre Schwester vier Söhnen das Leben schenkt. Gott
scheint sich von ihr abgewandt zu haben, anders kann sie ihre Unfruchtbarkeit
nicht erklären. Sie will sterben. "Dann erinnerte sich Gott
an Rachel. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Da sagte sie: Gott
hat die Schande von mir genommen." (Gen 30, 22f) Doch Gott wählt
nicht ihren erstgeborenen Sohn Joseph, sondern Juda, den jüngsten
Sohn ihrer Schwester Lea, zum Stammvater jenes Geschlechtes, aus dem
David und schließlich Jesus hervorgehen werden.
Als Jakob mit seinem Gefolge aufbricht, um in seine Heimat Beerscheba
zurückzukehren, nimmt Rachel heimlich die Götterbilder ihres
Vaters an sich. Über die Motive für diesen Diebstahl gehen
die Meinung der Exegeten auseinander. Glaubt Rachel noch an die Macht
dieser Hausgötter oder will sie ihren Vater von seinem Irrglauben
abbringen, wie es im jüdischen Midrasch Rabbah heißt? Die
Vermutung liegt nahe, daß auch Rachel noch verwurzelt war im archaischen
Glauben an Götter und Gottheiten, die den Schutz der Familien und
der Herden gewährleisten sollten. Wohl nicht ohne Grund befiehlt
Jakob vor der Ankunft in der Heimat: "Entfernt die fremden Götter
aus eurer Mitte! Wir wollen nach Bet-El hinaufziehen. Dort ich will
einen Altar für den Gott errichten, der mich am Tag meiner Bedrängnis
erhört hat." (Gen 35,2) Die ganze Aktion endet damit, daß
Jakob die Götzenbilder - und mit ihnen den alten Glauben - unter
der Eiche von Sichem begräbt. Der Gott, der sich Jakob offenbart
hatte, ist der alleinige Gott, der gute Hirte.
Rachel stirbt in der Nähe von Bethlehem bei der qualvollen Geburt
ihres Sohnes Benjamin (Gen 35, 18). Jakob errichtet ein Denkmal über
ihrem Grab - ein Zeichen besonderer Wertschätzung für diese
ungewöhnliche Frau. In den "Geschichten Jaakobs" legt
Thomas Mann ihr die letzten Worte an Jakob in den Mund: "Ohne Rachel
mußt du's nun sinnend ausmachen, wer Gott ist."
Im
Mittelalter galten Rachel und Lea als Symbole für das beschauliche
und das tätige Leben, obwohl die Bibel keine Anhaltspunkte dafür
liefert. Im Gegenteil: Rachels Dienst als Hirtin, aber auch als Hüterin
des Glaubens, ihre Auseinandersetzung mit Lea und mit ihrem Vater zeigen
sie als aktive, mutige und kluge Frau. Mit ihr zusammen gelang es Jakob,
in den seltsamen Wegen und Irrwegen des gemeinsamen Schicksals den Fingerzeig
Gottes zu entdecken.
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