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"Ich war gefangen, und ihr habt mich besucht"
Im afrikanischen Staat Burkina Faso versuchen Schwestern vom Guten Hirten, gefangenen Mädchen und Frauen Hoffnung für einen Neuanfang zu geben



Schwester Hilaria Puthirikkal RGS kam 1965 zusammen mit einer Gruppe indischer Schwestern nach Deutschland. Ihre religiöse und berufliche Ausbildung absolvierte sie in München. Als Sozialarbeiterin war sie einige Jahre in München und Baden-Baden tätig, bevor sie 1984 in eine neugegründete Missionsstation der Schwestern vom Guten Hirten in Madagaskar entsandt wurde. Nach 24 Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück, stellte sich aber kurz darauf für eine Neugründung in Burkina Faso zur Verfügung. Zusammen mit zwei anderen Schwestern ging sie im Herbst 2011 in dieses afrikanische Land, genauer gesagt nach Bobo-Dioulasso, eine der drei Diözesen von Burkina-Faso.

Unsere kleine Gemeinde in Bobo-Dioulasso besteht heute aus vier Schwestern , die aus vier verschiedenen Ländern kommen (Burkina Faso, Kenia, Senegal und Indien). Unsere internationale Gemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ist eine Bereicherung für jede von uns. Französisch ist unsere gemeinsame Sprache. Außerdem leben zwei junge Ordensanwärterinnen bei uns. Im Jahre 2012 haben wir ein kleines Haus mit 16 Plätzen gemietet. Wir konnten 14 Jugendliche und schwangere Frauen aufnehmen. Die Schwestern arbeiten mit zwei Erzieherinnen und einer Psychologin zusammen, weil viele dieser Frauen und Mädchen tiefe seelische Verletzungen in ihrem Leben erfahren haben. Nur ein geringer Prozentsatz dieser Frauen und Mädchen kann lesen und schreiben. Unsere Heimstätte bietet ihnen Zeit und Möglichkeit, das Vergangene aufzuarbeiten, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und Kraft für einen Neuanfang zu gewinnen.

Eine weitere Tätigkeit, die mir sehr am Herzen liegt, ist die Betreuung von gefangenen Frauen. Die Zahl der Gefangenen in Bobo-Dioulasso liegt zur Zeit zwischen 480 und 500. Die meisten sind Muslime. Viele warten oft jahrelang auf eine Gerichtsverhandlung, weil sie kein Geld haben, einen Rechtsanwalt zu bezahlen.
Die medizinische Versorgung der Gefangenen ist wenig zufriedenstellend. Es gibt zwar ein Arztzimmer, aber keinen Arzt. Ein Krankenpfleger schreibt die Rezepte für typische Krankheiten wie Malaria, Typhus, Magenbeschwerden und Haut- krankheiten. Die Gefangenen können die Medikamente nicht aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Wir Schwestern versuchen, sie mit Medikamen- ten zu versorgen oder sie bei gefährlichen Krankheiten in ein Krankenhaus zu bekommen.
Einmal am Tag wird eine Mahlzeit ausgegeben, meist Hirsebrei oder Reis, dazu eine Soße aus Weisskrautblättern oder Baobab (Affenbrotbaum). Fleisch und Fisch gehören nicht zum Speiseplan. Die Angehörigen können die Gefangenen besuchen und ihnen Essen bringen, was aber nur selten geschieht.
Im Gefängnis sind drei Gebetsorte. Die Muslime haben eine Moschee, die Katholiken eine kleine Kapelle, und für die evangelischen Christen gibt es einen Gebetsraum. Verschiedene Ordensgemeinschaften gestalten den Sonntagsgottesdienst. Der Ortsbischof hat einen Hausgeistlichen ernannt, mit dem wir Schwestern zusammenarbeiten. Für die Gefangenen ist der Gottesdienst in der Kapelle eine Möglichkeit der Bege- gnung mit anderen christlichen Gefangenen, die sie gern nutzen. Manche sagen, dass sie erst im Gefängnis das Beten gelernt haben.
Wir Schwestern vom Guten Hirten arbeiten als einzige Ordensgemeinschaft bei den gefangen Frauen. Jeden Dienstag macht eine unserer Schwestern mit einer unserer Ordenskandidatinnen einen Besuch im Gefängnis. Zu Beginn des Treffens halten wir eine Gesprächsrunde mit den Frauen über die Ereignisse der vergangenen Woche. Auch muslimische Frauen kommen dazu und nehmen am Gespräch teil. Die Gefan- genen sind oft sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt oder sie fühlen sich nicht wohl. Wir versuchen, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen. Einmal im Monat gibt es einen Vortrag zu einem bestimmten Thema, das von den Frauen vorgeschlagen wird, z.B. über Rechte und Pflichten von Frauen, über Abtreibung und ihre Folgen, Übertragung von Geschlechtskrankheiten, Hygiene, Aids, über die Verstümmelung von Geschlechtsorganen usw. Wir sind froh, dass Freunde des Guten Hirten uns bei diesen Aktivitäten helfen.
Neben Gesprächen und Vorträgen gibt es aber auch praktische Aktivitäten wie Nähen und Sticken von Tischdecken, Betttüchern und Kopfkissen, Häkeln von Babysachen, Anfertigung von Ketten und Armreifen aus Perlen, Kochen und Backen. Die Backwaren dürfen im Gefängnis verkauft werden. Die Materialien für diese Aktivitäten werden von uns Schwestern gekauft und den Frauen zur Verfügung gestellt. Beim Verkauf werden die Ausgaben vom Verkaufserlös abgezogen, und den Gewinn bekommen die Frauen , so dass sie Zutaten zum Kochen wie Öl, Maggi, Tomaten, Zwiebeln oder ein wenig Fisch einkaufen können.



Seit Mai 2015 haben wir mit Hilfe einer Ausbilderin angefangen, Seife herzustellen. Man braucht dazu Kokosöl, Festigungsmittel, Salz und Parfüm. Die Zutaten werden in der vorgeschriebenen Menge zusammengemischt und in Formen gegossen. Am nächsten Tag ist diese Masse fest und wird in kleine Stücke geschnitten. Die Seife ist für den Gebrauch der Insassen und für das Gefängnis als Reinigungsmittel bestimmt. Wir überlegen, ob wir die Seife in großen Mengen produzieren und Kunden ausserhalb finden können, so dass die gefangenen Frauen einen kleinen Gewinn erzielen. Die Frauen sind sehr daran interessiert, diesen Kurs mitzumachen, damit sie nach ihrer Entlassung selber Seife fabrizieren und verkaufen können.

Mit unseren Aktivitäten verfolgen wir verschiedene Ziele: Wir wollen bei den Frauen Interesse an einer Tätigkeit wecken und ihnen Freude an sinnvoller Arbeit vermitteln, damit sie während des Gefängnisaufenthaltes einen kleinen Beruf erlernen und später ihren täglichen Reis verdienen können. Außerdem möchten wir ein Klima des Vertrauens schaffen, damit eine Gemeinschaft entsteht, in der sich die Frauen gegenseitig annehmen und teilen lernen. Sie sollen Verantwortung übernehmen bei der Verwaltung von Materialien, der Verteilung von Geld und der Vorbereitung von kleinen Feiern und Festen, etwa zu Weihnachten und Ostern.

Schwester Hilaria Puthirikkal