| Junge
Frauen in den Philippinen landen zu Tausenden in den Bars und Bordellen
der größeren Städte. Für viele ist die Prostitution
der letzte Ausweg aus der Armut. Schwester Soledad und ihr Team
in Manila sind eine der wenigen Anlaufstellen für Mädchen,
die aus dem "Business" aussteigen wollen.
Patricia kichert. Daß jemand die "Spice Girls" doof
findet, kann sie nicht fassen. Sie reckt ihren Hals aus dem Autofenster.
Hochhäuser fliegen an ihr vorüber. "Vier-fünf-sechs-sieben-acht.
Wow!" Ungläubig zählt sie die Stockwerke an den Fingern
ab. "Zupfen sich europäische Mädchen auch die Augenbrauen?"
will sie unvermittelt von ihrer Beifahrerin wissen. Und: "Ich
habe ein neues Gedicht gemacht. Willst Du es hören?" Schwester
Mary Soledad lächelt zufrieden: Ihr Schützling benimmt
sich wieder wie ein ganz normaler Teenager.
Nur wenn man die junge Filipina auf damals anspricht, auf ihre
Zeit als "Go-Go-Tänzerin", weicht die kindliche Unbekümmertheit
einem verschämten Ernst. Grell geschminkte Lippen, knapper
Bikini. Die nackten Waden in hohe Schaftstiefel gesteckt, stand
sie auf der Bühne des "Cotton Clubs" in Manila. Wie
ein gestiefeltes Kätzchen bewegte die Filipina ihren Körper
im Rhythmus der Musik. Den Rücken zur Spiegelwand. Die gewährte
den gaffenden Kunden eine Gesamtansicht der begehrten "Sexware".
Seit über einem Jahr lebt Patricia im "Nazareth Growth
Home (NGH)", einem Haus für ehemalige Prostituierte in
Quezon-City. Hier ist es eng, aber blitzsauber. Und durch die Räume
weht der gute Geist einer Frau, die alle nur respektvoll "Sister"
nennen: Mary Soledad Perpinan, Ordensfrau der Schwestern vom guten
Hirten, Psychologin, Journalistin und Gründerin der "Dritte-Welt-Bewegung
gegen die Ausbeutung von Frauen". Sie kennt den Leidensweg
ihrer "Girls". Wie den von Patricia: Amerikaner, Europäer,
Australier, Japaner - ihre Kunden waren meist ältere Männer.
"Ich habe Drogen gespritzt", sagt Patricia. "Da machte
es leichter..."
Drogen können sich nur diejenigen Mädchen leisten, die
gut im Geschäft sind. Und auch wenn Patricia über weitere
Einzelheiten nicht sprechen will, weiß Soledad Bescheid: "Jungfrauen
kommen gut ins Geschäft. Nicht nur wegen des besonderen "Kicks".
Sex mit ihnen gilt als relativ gefahrlos. Frei nach dem Motto: Je
jünger, desto geringer das Aids-Risiko.
Die Zeiten als Go-Go-Girl sind für Patricia endgültig
vorbei. Im NGH hat sie ein neues Leben begonnen. Ein regelmäßig
strukturierter Tag, angefüllt mit Unterricht, Gesprächsrunden,
gemeinsamen Gebets- und Mahlzeiten, Hausarbeit und Mußestunden,
ist für die Mädchen im NGH der wichtigste Schritt zurück
in ein normales Leben.
Besuche
in den Bars von Manila gehören für Schwester Soledad zum
"Berufsalltag" (links). Hier nimmt sie Kontakt zu den
Mädchen auf, hört ihnen zu, versucht zu helfen. "Wenn
Du diese Mädchen normal behandelst, fangen sie wieder an, sich
normal zu verhalten", erläutert Schwester Soledad ihre
Philosophie. Und 'normal' heißt für die Ordensfrau ganz
einfach: liebe- und respektvoll. "Ziel unserer Arbeit ist es,
das Selbstvertrauen dieser Mädchen zu stärken." Seit
1989, der Gründung des "Nazareth Growth Home", fanden
mehr als 800 Mädchen dort ein vorüber-gehendes Zuhause,
einen beruflichen, menschlichen und religiösen Neuanfang. Vielen
gelingt es später, einen normalen Beruf zu finden. Patricia
ist neugierig und lebenshungrig, temperamentvoll und intelligent.
Nächstes Jahr erreicht sie die Mittlere Reife. Sie möchte
Lehrerin werden. "Und Nonne", fügt sie hinzu. Sister
Soledad lacht. "Wart's ab."
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