| Schwester
Hilaria Puthirikkal RGS arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im
Haus vom Guten Hirten in Itaosy-Tananarive (Madagaskar). Zuvor hatte
sie 18 Jahre in der Südwestdeutschen Provinz der Schwestern
vom Guten Hirten gelebt und spricht noch heute sehr gut Deutsch.
Der folgende Brief schildert die Arbeit der Schwestern in Itaosy.
Unser Dorf liegt rund sieben Kilometer von der Hauptstadt Tananarive
entfernt, ein Gebiet, das halb ländlich, halb städtisch
struktiert ist. Von den 2.300 Einwohnern hat nur ein Drittel Arbeit.
Besonders hart betroffen von den Folgen der Arbeitslosigkeit, aber
auch der sozialen Ungerechtigkeit und Armut, sind die Frauen. Viele
brauchen lange Zeit, manchmal bis zu zehn Jahren, um aus der Armutssituation
herauszukommen. Das bedeutet, daß sie etwas Land, ein kleines
Häuschen, ein WC, einen Brunnen und einen Garten brauchen,
wo sie Reis und Gemüse pflanzen können. Wichtig ist auch,
daß sie in ihrer Gemeinde als Bürgerinnen anerkannt werden,
daß Kontakte mit den Nachbarn aufgebaut werden, daß
sie medizinische Behandlung bekommen und ihre Kinder eine Schule
besuchen können. Das ist oft ein mühsamer Prozeß,
aber ich bin nicht entmutigt, sondern freue mich über jeden
kleinen Fortschritt.
Augenblicklich haben wir eine Gruppe von Frauen, die sich für
kleine Projekte interessieren, die ihnen den Weg in die Selbständigkeit
eröffnen können. Wir schließen mit ihnen einen Vertrag,
in dem geregelt ist, in welcher Form und in welchen Zeitabständen
das Geld zurückgezahlt wird, das wir ihnen für diese Vorhaben
leihen. Wir nennen das "Mikro-Kredite". Es sind in der
Tat meist nur unbedeutende Summen, aber wichtig ist, daß die
Frauen sich nicht als Almosen-empfängerinnen verstehen, sondern
lernen, mit dem Geld zu wirtschaften. Wöchentlich treffen wir
uns mit dieser Gruppe, besprechen Probleme und planen die nächsten
Schritte.
Henriette
ist kinderlos. Ihr Mann hat sie verlassen. Mit Wäschwaschen
für andere Leute hat sie immer ihren täglichen Reis verdient.
Doch sie wurde krank, und der Arzt erlaubte ihr nicht mehr diese
mühsame Arbeit. So hat sie uns gefragt, ob wir ihr helfen könnten,
eine alte Nähmaschine zu kaufen. Inzwischen hat einen Nähkurs
besucht und näht oder ändert nun einfache Kleider für
ihre Nachbarn.
Razafy
hat acht Kinder. Ihr Mann arbeitet nur gelegentlich und trägt
kaum zum Unterhalt der Familie bei. Deshalb hat Razafy damit begonnen,
kleine Kuchen zu backen, die sie (mit Hilfe einer Kerze) in Plastiktüten
einschweißt, damit sie frisch bleiben, und dann auf dem Markt
verkauft. Wir haben ihr etwas Geld geliehen für den Kauf von
Backgeräten und den nötigen Backzutaten.
Line hat vier Kinder, die alle in die Schule gehen. Ihr Mann ist
schwer dazu zu bewegen, einer festen Arbeit nachzugehen. Das ist
hier in Madagaskar nicht ungewöhnlich, denn traditionell ist
es Aufgabe der Frauen, für den täglichen Lebensunterhalt
zu sorgen. Aber er hätte wohl an der Entenzucht Freude, ließ
Lines Mann bei einem meiner Hausbesuche verlauten. Wir haben daraufhin
der Familie Geld geliehn, um einige Enten zu kaufen und eine kleine
Zucht anzufangen.
Dorothe
ist an Tuberkulose erkrankt. Sie hat fünf Kinder, ihr Mann
ist gestorben. Auch hier haben wir den Aufbau einer Entenzucht angeregt,
weil damit ein Teil der täglichen Nahrungsbedarfes abgedeckt
werden kann und durch den Verkauf von Enten auch Geld in die Haushalts-kasse
kommt. Der Sohn von Frau Dorothe ist Schreiner und hat einen schönen
Stall für die ersten 15 Enten gebaut. Die Familie ist sehr
dankbar für diese Hilfe.
Narindra
ist sehr begabt und hat gerade ihr Abitur gemacht. Sie kann jedoch
nicht studieren, weil ihr das nötige Geld fehlt. Jetzt besucht
sie eine Sekretärinnen-Fachschule. Wir haben ihr ein Fahrrad
finanziert, damit sie jeden Tag zur Schule radeln kann und kein
Geld für Busfahrten ausgeben muß. In den Ferien will
sie einen Job annehmen und dann ihre Schulden bezahlen.
Jean
Baptist arbeitet bei uns als Gärtner. Seine Frau Niro verkauft
auf dem Wochenmarkt Eier. Sie holt die Eier von einem großen
Bauernhof und verkauft sie an Geschäfte in der Stadt weiter.
Inzwischen hat Jean Baptist ein kleines Grundstück erworben
und möchte ein Haus bauen, denn Jean und Niro haben drei kleine
Kinder und wohnen bisher alle zusammen in einem einzigen Raum in
einer Hütte.
Lala hatte schon lange den Wunsch, eine Kuh zu kaufen. Sie arbeitete
viele Jahre in einem Steinbruch - eine schwere und auch gefährliche
Arbeit. Lala hat fünf Kinder; alle gehen zur Schule, und das
Schulgeld verschlingt das Einkommen. Mit einer Kuh in dem (gerade
fertig gewordenen Stall) hätte sie Milch für die Familie
und könnte den Rest an die Nachbarn verkaufen. Wir werden ihr
deshalb das Geld für eine Kuh leihen.
Elisabeth
hat vier Kinder, das jüngste ist zwei Monate alt. Ihr Mann
taucht nur gelegentlich bei ihr auf. Elisabeth wurden mitsamt ihren
Kindern von ihrem Vermieter vor die Tür gesetzt, weil sie die
Miete nicht mehr aufbringen konnte. Im letzten Herbst haben wir
ihr ein wenig Geld geliehen, mit dem sie in der Stadt Bilder und
Bilderrahmen kauft. Sie rahmt die Bilder, geht durch das Dorf und
versucht sie weiter-zuverkaufen, was ab und zu auch klappt. Ihre
Kinder kommen mittags zum Essen zu uns.
Das sind nur wenige Beispiel unserer Arbeit hier, aber sie zeigen,
wie wenig manchmal genügt, um Menschen neue Zukunftsperspektiven
und Lebensmut zu geben. Zur Zeit versuchen wir, ein anderes Projekt
unter den Dorfbewohnern populär zu machen: Es geht um den Aufbau
einer Solidaritäts-Krankenkasse, denn es gibt praktisch keine
staatliche Gesundheitshilfe für die Armen. Zehn Familie sind
bereits Mitglied der geworden. Ein Nebeneffekt dieser Arbeit ist
auch, daß die Familien die notwendigen Papiere beschaffen
müssen (Geburtsurkunden, polizeiliche Anmeldung, Familienbuch
usw.). Das klingt für europäische Ohren ganz selbstverständlich,
aber hier ist es so, daß viele Menschen keinerlei Ausweispapiere
haben und damit für die staatlichen Organe nicht existieren.
Wir bemühen uns schon seit vielen Jahren darum, den rechtlichen
Status der armen Leute hier zu verbessern. So leisten wir Hilfe
zur Selbsthilfe, wo immer es geht. Aber leider fehlen uns oft Mitarbeiter,
um auf all die vielen Bedürfnisse und Nöte angemessen
reagieren zu können.
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