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Mein Name ist Dominique Mitelette. Ich bin Französin und gehöre
zur Provinz Tschechien / Österreich / Schweiz der Schwestern
vom Guten Hirten. Ich bin in der Arbeit mit Prostituierten und in
der Gefängnisseelsorge für Asylanten tätig - in in
einem Untersuchungs- gefängnis und in einer Strafvollzugsanstalt
in Zürich. Ich habe die Erlaubnis, die Gefangenen zu besuchen
und treffe sie in ihren Zellen, werde mit ihnen eingesperrt, bete
mit ihnen, höre ihnen zu und begleite sie.
Vor einiger Zeit ging ich ins Gefängnis, in den Besucherraum,
wie man dazu sagt. Da war ein 17-jähriger afrikanischer Junge.
Sein Vater stammte von der Elfenbeinküste, seine Mutter aus
Mali. Während des Krieges war sein älterer Bruder verschwunden,
sein Vater hatte die Familie verlassen und die Mutter floh mit dem
Jungen nach Mali. Aus Verzweiflung hat sich dort die Mutter vor
einen Bus geworfen und wurde vor den Augen des Jungen zerfetzt.
Der Junge floh aus Mali, gelangte auf ein Flüchtlingsschiff,
landete in Marseille und schlug sich bis Paris durch. Er war allein,
sprach aber gut Französisch, war intelligent und ein netter
Typ. Bevor ich zu ihm ging, sagte mir die Aufseherin: „Seien
Sie vorsichtig, er ist aggressiv." Aber als er mich sah, war
er überhaupt nicht aggressiv, sondern wollte mit mir reden.
Für Afrikaner sind Frauen mit weißem Haar immer ein wenig
die „Mamma", und deshalb wurde ich von ihm respektiert.
Das erste, was er mir sagte war: „Ich seh keinen Sinn mehr
im Leben. Sie wollen, dass ich in meine Heimat zurückkehre,
aber ich will nicht." Er war ohne Papiere mit dem Zug unterwegs
gewesen und bis Zürich gekom- men. Dort lernte er in einer
Nachtbar ein junges Mädchen kennen. Sie haben was getrunken
und getanzt. Nachts um Vier begleitete ihn das Mädchen dann
zum Bahnhof und meinte: „Du kannst hier schlafen." Aber
er sagte: „Ich will bei dir schlafen." Sie meinte jedoch:
„Nein, ich will dich nicht mehr sehen. Es ist aus."
„Ich kann nicht zurück.“
Als die Polizei in der Nacht ihre Runde machte, wurde er aufgegriffen,
aufs Revier gebracht und verhaftet. Sie haben ihm gesagt: „Wenn
du weiterfährst, dann nicht nach Frankreich, sondern in deine
Heimat, denn du bist ein illegaler Einwanderer.“
Der Junge erklärte mir: „Ich kann nicht nach Mali zurück,
denn ich kennte da niemanden. Ich will nicht zurück, ich will
sterben.“ „Wieso sterben, du bist doch erst 17 Jahre,
du bist jung und hast noch vieles vor dir, du sprichst gut Französisch.“
Aber er beharrte darauf, dass er sterben wolle. Und nicht nur sterben,
sondern völlig verschwinden. Und dafür gäbe es nur
eine Lösung: Jemand müsse ihn aufessen. Er benutze sogar
das Wort „fressen“ und machte eine entsprechende Geste.
„Du musst mich aufessen. Wenn ich sterbe, ist mein Körper
noch da. Erst wenn du mich aufißt, bin ich völlig verschwunden.“
„Du bist wie meine Mutter.“
Wir haben lange geredet und zum Schluß hat er gesagt: „Weißt
du, ich bin Moslem.“
Ich habe gesagt, dass mir das nichts ausmache. Er meinte, ich können
ja für ihn beten, auch wenn ich katholisch sei. Also sagte
ich: „Wir können doch zusammen beten.“ Und das
haben wir auch getan. Zum Schluß hat er wiederholt: „Wenn
ich tot bin, soll mich jemand aufessen.“ Ich meinte, es gäbe
doch Alternativen zum Aufessen. Er könne zum Beispiel darauf
drängen, als Asylant anerkannt zu werden. Aber er beharrte:
„Nein, Schluß, aufessen. Dann bin ich weg für alle."
Das hat mich sehr berührt, denn er war jung und sehr sympathisch
und hatte eine gewisse Lebenslust. Ich blieb mit ihm drei oder vier
Stunden zusammen; normalerweise dauert ein Besuch nur etwa zehn
Minuten. Ich habe zu ihm gesagt: „Allah liebt dich, er will
nicht, dass du stirbst.“ Er antwortete: „Es sind die
anderen, die meinen Tod wollen. Wenn ich tot bin, ist alles vorbei.“Als
ich mich verabschiedete, sagte er. „Weißt du, du bist
ein wenig wie meine Mutter. Darf ich dich umarmen?“ Ich hatte
nichts dagegen. Er hat geweint und gesagt: „Vielleicht sehen
wir uns nie wieder.“ Er wollte unbedingt aufgegessen werden.
Das war immer sein Thema. Ich habe ihm meine Telefonnummer gegeben
und gesagt: „Wenn du rauskommst, ruf mich an. Ich werde dich
abholen.“ Aber er sagte: „Nein, ich will verschwinden."
Dann bin ich gegangen.
Einige Tage später las ich einen Zeitungsartikel über
einen 17-jährigen Jungen, der sich in seiner Zelle aufgehängt
hatte. Ich glaube, dass es dieser Junge war, denn ich habe nie mehr
von ihm gehört. Das war für mich ein großer Schock.
Ich begegne bei den Gefängnisbesuchenimmer wieder den Problemen
der illegalen Einwan- derer. Menschen, die aus ihrem Land fliehen
mußten, die keine Papiere haben und nicht nach Hause zurückkönnen,
weil sie dort in Lebensgefahr sind. Aber in den acht Jahre, die
ich das Gefängnis besuche, war dies das erste Mal, dass ich
eine so schwerwiegende Bitte hörte.
Dominique Mitelette RGS |